Peter Sloterdijk: Die Staaten verpfänden die Luft
Nachdem Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank in einer Rede das im Handelsblatt („Peter Sloterdijk„Die Staaten verpfänden die Luft und Banken atmen tief durch“, 17.12.11) veröffentlichte Interview mit dem ehemaligen Fernseh-Philosophen Sloterdijk zur Lektüre empfohlen hatte, wollten wir natürlich wissen, was da drinsteht.
Also: In einem ellenlangen Diskurs über den Zusammenhang von Schuld und Schulden führt er die Verantwortung nicht auf die „Banken als Banken“ zurück, sondern auf eine Veränderung, die es gegeben habe: Früher hätte man Kredite aufgenommen und bekommen, wenn sie solide besichert waren und man Zins und Tilgung im Sinn hatte. Das Problem wäre in diesem Sinne heute der fehlende Tilgungsglaube. Also dass Kredite – vor allem wohl Staatsanleihen heute - nicht mehr mit dem Ziel der Tilgung aufgenommen würden. Die Vertrauenskrise sei in Wahrheit eine „Glaubwürdigkeitskrise des Kredits“.
Da ist natürlich auf gewisse Weise etwas dran. Allerdings spricht weder das Handelsblatt noch Sloterdijk die Problematik der vielfachen Abstraktion von Geld und zugrundeliegendem Wert an, das im Wesen von Zertifikaten, Derivaten und „strukturierten Produkten“ liegt. Laut einer Studie des Schweizer Unternehmens Derivative Partners summierte sich allein das im Jahr 2011 an Deutschen Börsen Volumen von gehandelten Hebelprodukten – bei denen man eben einen Kredit aufnimmt, um mit Geld zu spielen – auf knapp 30 Mrd. Euro. An den Derivatbörsen seien zusammen weit über eine Million Produkte kotiert. Dabei mache der Anteil der Hebelprodukte in Deutschland nur 1% des Derivate-Volumens aus. Also rechnen wir die 30 Mrd mal 100 und kommen auf 3000 Mrd pro Jahr, die tendenziell nicht mehr in Werte, sondern in Wertentwicklungen oder Wertdifferenzen „investieren“.
Interessant dabei: Obwohl Sloterdijk nicht über Produktphilosophien und Denkweisen „der Märkte“ spricht, stellt er doch fest, dass das Geld der Zentralbanken ja zum allergrößten Teil, zu etwa 80 bis 90 Prozent, nicht in die „reale Wirtschaft“ gehe, sondern „in die Finanzspekulation“. So gesehen wundert man sich, warum Fitschen das Interview so gut fand.
Und dann kommt Sloterdijk auch noch mit einem Vorschlag, der wirklich schräge ist: Man müsse Kredite an die Realwirtschaft einfach von der „spekulativen Zwischenwelt der Geschäftsbanken, der Fonds und ähnlicher Einrichtungen“ abkoppeln. Der Staat könne sich ja als „lender of last resort“ direkt nützlich machen, ohne acht Zehntel des klugen Geldes zu Niedrigstzinsen den Spekulanten nachzuwerfen und wohl stattdessen Kredite direkt vergebe. Damit würde man die zu mächtig gewordene Finanzmarktbranche „systemimmanent“ in ihre Grenzen weisen.
Naja. Das kann man ja auch einfacher haben. Die Schnittstelle zur Realwirtschaft wird im Kreditbereich ja ohnehin im Wesentlichen von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Landesbanken übernommen. Ist schon klar, dass die im Sinne Sloterdijks auch nicht „ohne Schuld“ sind. Aber die haben aufgrund ihrer Satzungen auch das Gemeinwohl am ehesten im Sinn und am wenigsten Interessenkonflikte zwischen Shareholdern und Kunden. Damit ist die Anbindung an die Realwirtschaft und an den Tilgungsglauben schon mal gesichert.
Also: In einem ellenlangen Diskurs über den Zusammenhang von Schuld und Schulden führt er die Verantwortung nicht auf die „Banken als Banken“ zurück, sondern auf eine Veränderung, die es gegeben habe: Früher hätte man Kredite aufgenommen und bekommen, wenn sie solide besichert waren und man Zins und Tilgung im Sinn hatte. Das Problem wäre in diesem Sinne heute der fehlende Tilgungsglaube. Also dass Kredite – vor allem wohl Staatsanleihen heute - nicht mehr mit dem Ziel der Tilgung aufgenommen würden. Die Vertrauenskrise sei in Wahrheit eine „Glaubwürdigkeitskrise des Kredits“.
Da ist natürlich auf gewisse Weise etwas dran. Allerdings spricht weder das Handelsblatt noch Sloterdijk die Problematik der vielfachen Abstraktion von Geld und zugrundeliegendem Wert an, das im Wesen von Zertifikaten, Derivaten und „strukturierten Produkten“ liegt. Laut einer Studie des Schweizer Unternehmens Derivative Partners summierte sich allein das im Jahr 2011 an Deutschen Börsen Volumen von gehandelten Hebelprodukten – bei denen man eben einen Kredit aufnimmt, um mit Geld zu spielen – auf knapp 30 Mrd. Euro. An den Derivatbörsen seien zusammen weit über eine Million Produkte kotiert. Dabei mache der Anteil der Hebelprodukte in Deutschland nur 1% des Derivate-Volumens aus. Also rechnen wir die 30 Mrd mal 100 und kommen auf 3000 Mrd pro Jahr, die tendenziell nicht mehr in Werte, sondern in Wertentwicklungen oder Wertdifferenzen „investieren“.
Interessant dabei: Obwohl Sloterdijk nicht über Produktphilosophien und Denkweisen „der Märkte“ spricht, stellt er doch fest, dass das Geld der Zentralbanken ja zum allergrößten Teil, zu etwa 80 bis 90 Prozent, nicht in die „reale Wirtschaft“ gehe, sondern „in die Finanzspekulation“. So gesehen wundert man sich, warum Fitschen das Interview so gut fand.
Und dann kommt Sloterdijk auch noch mit einem Vorschlag, der wirklich schräge ist: Man müsse Kredite an die Realwirtschaft einfach von der „spekulativen Zwischenwelt der Geschäftsbanken, der Fonds und ähnlicher Einrichtungen“ abkoppeln. Der Staat könne sich ja als „lender of last resort“ direkt nützlich machen, ohne acht Zehntel des klugen Geldes zu Niedrigstzinsen den Spekulanten nachzuwerfen und wohl stattdessen Kredite direkt vergebe. Damit würde man die zu mächtig gewordene Finanzmarktbranche „systemimmanent“ in ihre Grenzen weisen.
Naja. Das kann man ja auch einfacher haben. Die Schnittstelle zur Realwirtschaft wird im Kreditbereich ja ohnehin im Wesentlichen von Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Landesbanken übernommen. Ist schon klar, dass die im Sinne Sloterdijks auch nicht „ohne Schuld“ sind. Aber die haben aufgrund ihrer Satzungen auch das Gemeinwohl am ehesten im Sinn und am wenigsten Interessenkonflikte zwischen Shareholdern und Kunden. Damit ist die Anbindung an die Realwirtschaft und an den Tilgungsglauben schon mal gesichert.
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