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Neue Geschäftsmodelle für Banken. Oder: Was ist uns das Gemeinwohl wert?

Langsam geht es zur Sache: Die FAZ („ Abhängigkeit von Zinserträgen: Aufseher erhöhen den Druck auf die Banken“ 17.6.16) berichtet über die Auswirkungen der permanent sinkenden Leitzinsen auf regionale Banken – und in der Folge auch Bankkunden.  Und wieder mal geht es um das Wort, das Heil versprechen soll: Die Banken sollten halt „ihre Geschäftsmodelle überarbeiten.“ Und dann?

Das Problem einmal kurz gefasst: Nachdem die Zinsen mittlerweile nicht mehr nur haltlos nach unten, sondern in den Negativbereich gehen, werden „die Banken“ von Aufsichtsbehörden ermahnt. Grundlage dieser Ermahnung ist eine aus September 2015 datierende Umfrage von Bundesbank und Bafin („Ertragslage und Widerstandsfähigkeit deutscher Kreditinstitute im Niedrigzinsumfeld“), aus der sich ergibt:

Wenn das mit den Niedrigzinsen so weiter geht oder gar noch schlechter wird, werden die Gewinne der Banken bis 2019 heftig zurückgehen.  Im schlimmsten Fall zeigt die Studie einen Gewinnrückgang von 75% an. Und weil offenbar keiner weiß, wie lange das mit den Niedrigzinsen noch gehen wird, sollten „die Banken“ nun einfach mal “ihre Geschäftsmodelle überarbeiten“. 

 

Warum eigentlich? Der FAZ-Artikel zitiert den Präsidenten der für die „nicht systemrelevanten“ regionalen Banken verantwortlichen deutschen Bankenaufsicht BaFin, Felix Hufeld. Der halte es für fatal, dass die Institute „noch immer zu 80 Prozent von den Zinserträgen abhängen“. Sinngemäß dasselbe sagt übrigens auch der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann in einem Artikel in der Börsenzeitung: „Die Banken im Euro-Raum müssen sich auf das Niedrigzinsumfeld einstellen, zum Beispiel indem sie Kosten senken und ihre Geschäftsmodelle kritisch prüfen.“

 

Das sind ja Aussichten – wie wirken sie sich auf die Kunden und die Gesellschaft aus?

Das Geschäftsmodell der regionalen Banken

Wir versuchen hier einmal eine vereinfachte, aber immer noch nicht ganz einfache Darstellung:

Die regionalen Banken verdienen ihr Geld im wesentlichen mit Zinsen. Sie machen im Unterschied zu den Großbanken kein großes Geld im Investment-Banking – nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Kunden dazu keine große Lust zeigen. Weil das so ist, basiert ihr Geschäftsmodell – und auch der Gewinn– einfach gesprochen schlicht im verantwortungsvollen Annehmen und Weitergeben von Geld. Dafür arbeiten sie, dafür sind sie gut organisiert, das können sie:

Ihre Kunden legen bei ihnen Geld an, sie verteilen das Geld wieder in Form von Krediten in der Region. So trägt im Idealfall jeder angelegte Euro zum Wohlstand der Region und jeder Kredit zur langfristig wirksamen Investition in die Region bei. Das ist der gesellschaftliche Sinn vor allem der Sparkassen, Volksbanken, Raiffeisen-, Sparda-Banken im Lande. Sie sind gewissermaßen ein Behälter, der über kurz- und langfristige Zeiträume hinweg dafür sorgt, dass Geld seine gesellschaftlich dienende Funktion erfüllen kann. Sie können zwar nicht das gesamte in der Region gesammelte Geld auch in regionale Kredite verwandeln. Aber immer genug, um solide Kredite zu geben. Damit verdienen sie im Wesentlichen ihr Geld. (Hier spielt auch der Begriff der „Fristentransformation“ eine Rolle, den wir aber der Einfachheit halber einmal beiseite lassen.)

In Summe kann man also sagen: Das ist wirklich ein prima sinnvolles und gesellschaftlich nützliches Geschäftsmodell.

Die Abhängigkeit vom Zins

Der „Deal“, mit dem die regionalen Banken dabei ihre Organisation aufrechterhalten, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezahlen, sich selbst weiterentwickeln, ist ebenso einfach wie kompliziert: Von jedem Euro, den sie aufbewahren, verleihen oder für die Kunden anlegen, verdienen sie einen Bruchteil. Dieser Bruchteil lässt sich in Prozent bzw Promille bzw. in sogenannten Basispunkten – also dem hundertsten Teil eines Prozentpunktes – berechnen.

Und davon leben sie schlussendlich auch und machen Gewinne, die sie zum Teil in Form von Spenden wieder in die Region geben, für magere Zeiten sparen, in ihre eigene Weiterentwicklung investieren und in Form von Dividenden an ihre Eigentümer geben. Je nach Banktyp können das dann eben Mitglieder (Genossenschaftsbanken) Kommunen und andere Träger (Sparkassen) oder eben Aktionäre (Aktiengesellschaften) sein.

Soviel zur gesellschaftlich dienlichen Mechanik des Geldes, der Banken und Sparkassen im Lande, die im Grunde seit über 100 Jahren meist einwandfrei funktionierte.

Das Problem:

Nun hat sich aufgrund der diversen Krisen, die – soviel ist sicher – nicht von den regionalen Banken ausgelöst wurden, weltweit eine Denkweise durchgesetzt, die mit dem Geschäft der regionalen Banken auf den ersten Blick nichts oder nur wenig zu tun hat. Indem man die Kapitalmärkte mit Geld flutete, die Zinsen immer weiter senkte, wird es für Sparkassen und Genossenschaftsbanken und auch Privatbanken zunehmend schwieriger, Erträge in einer Größenordnung zu erwirtschaften, mit der sie all das tun können, was sie für die Region, ihre Kunden, Mitarbeiter und Eigentümer tun wollen.

Hinzu kommt, dass aufgrund der bis zur Krise weithin deregulierten Kapitalmärkte nun buchstäblich eine Regulierungswelle auch über die kleinen Banken hinweg rollt: Alles muss dokumentiert werden. Ein Haufen Arbeit, der nur Geld kostet – ob er tatsächlich irgendwann dem Gemeinwohl etwas bringen wird? Das kann man nirgendwo lesen. Aber dass Sie teurer werden und ihr Geschäftsmodell ändern sollen – das lesen wir immer häufiger. Und nicht erst seit gestern:

„Geschäftsmodell“ und Gemeinwohl?

Schon 2010 hatten wir die Definition zitiert, die der damalige Soffin (Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung) die heutige FMSA – Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung auf seiner Website für das Wort „Geschäftsmodell anbot:

Ein Geschäftsmodell ist tragfähig, wenn es robust ist gegenüber Belastungen, die aus der Bank selbst oder von außen auf die Bank einwirken, und wenn es nachhaltige Erträge in Höhe einer adäquaten Verzinsung des Eigenkapitals erwirtschaftet.

Liest man diese Definition aus heutiger Sicht, kann man nur die Stirn runzeln. Denn schließlich sind die „Belastungen“, die heute „von außen“ auf die regionalen Banken einwirken,  nicht hausgemacht, sondern einer Zinspolitik geschuldet, die ihrerseits genau das erreichen will, was das Geschäftsmodell der regionalen Banken ist: Das Verteilen von Krediten zur Sicherung des gesellschaftlichen Wohlstands und des Gemeinwohls.

Nun nun werden die regionalen Banken also ermahnt, ihr tragfähiges und gesellschaftlich dienendes Geschäftsmodell zu überdenken…  Aber wie soll das gehen? Sollen sie nun anstatt Geld anzunehmen und in der Region in Form von Krediten zu verteilen z.B. einfach Currywurst mit Pommes Schranke verkaufen? Oder würde die BaFin lieber sehen, dass sie anstatt des zinsabhängigen und deshalb zur Ertragsschwäche verdammten Kreditgeschäfts ihre Kunden lieber verstärkt in den Kauf von Kapitalmarktprodukten treiben – nur weil dort die Erträge nicht zinsabhängig sind? Das wäre natürlich auch insofern eine fatale Strategie – als die Sparkassen und Genossenschaftsbanken damit ihre wichtigste gesellschaftliche und dem Gemeinwohl dienende Aufgabe verlieren würden.

Da zitiert sogar die FAZ einmal eine Sprecherin des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), der dort eher selten mal zu Wort kommt:

„Es wäre nicht im Sinne der Volkswirtschaft, wenn Mittelstandsfinanzierer wie die Volks- und Raiffeisenbanken ihre Geschäftsmodelle ändern würden“.

Das sehen wir genau so. Wir wollen hier aber nicht darüber nachdenken, ob es sich bei dieser ganzen Niedrigzins- und Regulierungs-Aktivität womöglich um eine langfristig angelegte Strategie handelt, von der schon 2010 der damalige Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds und heutige Ex-Bundespräsident Horst Köhler im Handelblatt ("Die Eigentums- und Führungsstrukturen öffentlicher Banken behindern eine effiziente Konsolidierung im deutschen Finanzsektor.“) sprach – und bei der es darum gehen könnte, die kleinen Banken im Interesse der „Konsolidierung“ aus dem Geschäft zu drängen.

Nein darüber wollen wir nicht nachdenken. Stattdessen wollen wir über das nachdenken, was es an möglichen Alternativen geben kann.

Welches Geschäftsmodell hätten wir denn gern?

Eine davon ist ja schon im Gange: Nachdem auch die regionalen Banken Geld verdienen müssen, gibt es derzeit eine ganze Anzahl an Preissteigerungen bei Kontenmodellen. Die Kosten pro Bankkonto, Überweisung, Abhebung, etc. steigen. Um ein paar Cent, ein paar Euro pro Monat. So kommen für die regionalen Häuser entsprechende Einnahmen zustande, mit denen sie die zunehmend stärker zurückgehenden Gewinne aus den normalen zinsbasierten Einnahmen einigermaßen ausgleichen können.

Wie üblich ziehen die auf Konditionen fixierten Medien – unter anderem auch die FAZ und allen voran Finanztest – diese Erhöhungen durch den medialen Kakao. Das kann man verstehen, weil das ja ihr Thema ist: Zahlen!

Dazu gehört auch eine andere Zahl aus dem genannten FAZ-Artikel: Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), so heißt es dort, schätze dass deutsche Banken „insgesamt 10 Milliarden Euro an Erträgen liegen lassen“. Erträge liegen lassen? Hm. Bedeutet das „sie könnten dafür viel mehr Geld verlangen – tun es aber (bisher) noch nicht?

Fazit: Smart Shopping kann man auch anders interpretieren

Also: Die Situation bleibt auf Sicht, wie sie ist. Der Zins wird noch einige Zeit niedrig bleiben. Und die regionalen Häuser haben weder die Krise noch den Niedrigzins noch die Regulierungsaufwände verursacht.

Dennoch sitzen wir alle mit ihnen in einem Boot. Im Gegensatz zur Politik zählt für uns als Kunden aber ein Wort nicht: Alternativlosigkeit. Wir haben tatsächlich Alternativen, über die aber – wohl auch von den regionalen Banken selbst - viel zu wenig gesprochen wird. Denn im Grunde sollten wir alle angesichts dieser Situation uns einfach nur zwei Fragen stellen:

1.    1.  Wollen wir, dass  unsere regionalen Banken

 - uns künftig Geschäfte vorschlagen, die wir eigentlich nicht wollen, dem  Gemeinwohl nicht dienen, der Bank aber andere Einnahmequellen eröffnen würden?

- aus Kostendruck und ohne es zu wollen immer mehr Filialen schließen müssen?

- irgendwann durch Fusionen immer größer werden – so groß, dass sie irgendwann den Bezug zu ihrer angestammten Region zu verlieren drohen?

2. Oder zahlen wir bewusst lieber für die Kontoführung ein paar Euro pro Monat oder für den Kredit ein paar Zehntel mehr als anderswo – die unserer Bank bei weiter anhaltendem Niedrigzins über die Zeit helfen könnten?

Diese Fragen sollten wir alle uns ernsthaft selbst stellen. Und bei der Antwort, die wir uns selbst geben, auch einmal bedenken, dass „smart shopping“ heute nicht mehr nur bedeutet „das beste Produkt für den günstigsten Preis bekommen“. Sondern eben mindestens genau so sehr: Für die Zukunft vorsorgen und seinen Teil zu dem beitragen, was nötig ist.

Was halten Sie von dieser Alternative? Schreiben Sie gerne eine Kommentar zu diesem Artikel!

 
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